Die Insel des Interkulturellen Lernens – eine E-learning-Website der TU Braunschweig, Englisches Seminar

Einführung und Nutzerhinweise

Vorwissen: Theoretische Grundlagen

But I’m not a serpent, I tell you! said Alice. I’m a – I’m a –

Well, what are you? said the Pigeon. I can see you’re trying to invent something!

I – I’m a little girl, said Alice, rather doubtfully, as she remembered the number of changes she had gone through that day.

A likely story indeed! said the Pigeon in a tone of the deepest contempt. I’ve seen a good many little girls in my time, but never one with such a neck as that! No, no! You’re a serpent; and there’s no use denying it. I suppose you’ll be telling me next that you never tasted an egg!

I have tasted eggs, certainly, said Alice, who was a very truthful child; but little girls eat eggs quite as much as serpents do, you know.

I don’t believe it, said the Pigeon; but if they do, why, then they’re a kind of serpent, that’s all I can say.

aus: Lewis Carroll Alice’s Adventures in Wonderland

Nicht alle Kenntnisse und Fähigkeiten, die Schüler mit in den Fremdsprachenunterricht bringen, erleichtern es dem Lehrer, die Schüler auch interkulturell zu bilden. Dies trifft vor allem auf die in der Gesellschaft bestehenden Stereoptype und Vorurteile über andere Kulturen, Nationen und deren Angehörige zu. Im Folgenden soll die Problematik des Umgangs mit Stereotypen im Fremdsprachenunterricht erläutert und mit praktischen Vorschlägen für den Unterricht ergänzt werden.

Was sind Stereotypen?

Vorurteile, Stereotypen sind Generalisierungen, die nicht auf überprüfbaren Tatsachen, sondern auf einem Werturteil beruhen. Mit ihrem starken emotionalen Bezug sind sie in das umfassende Einstellungssystem der vorurteilsbehafteten Person eingebunden und außerordentlich änderungsresistent. Sie sind vielfach in Gruppenbeziehungen verankert und erfahren hieraus ihre Verstärkung und ihre Umsetzung in Handlungen gegen die abgelehnte Gruppe.

Zitiert nach: Roth, Wolfgang (1989) Vorerfahrungen und Stereotypien: Ihre Veränderbarkeit durch zweisprachige Kontakte? In: Pelz, Manfred (Hrsg.) Lerne die Sprache des Nachbarn Frankfurt am Main: Diesterweg, 137.

Franzose mit Baskenmütze und Baguette, Deutscher mit Lederhose und Bierkrug, Engländer mit Melone und Regenschirm

Stereotypen im interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Die Sicht vieler Fremdsprachenlerner auf andere Kulturen ist durch Stereotypen und Vorurteile sowohl positiver als auch negativer Natur geprägt. Stereotypen bestehen, und es ist nicht in erster Linie Aufgabe des interkulturellen Fremdsprachenunterrichts diese überzeugend zu widerlegen, denn nicht die Frage nach dem Wahrheitsgehalt, sondern nach der Wahrnehmung ist entscheidend für die Funktion von Stereotypen. Sind sich Schüler bewusst, dass Stereotypen existieren und stets die Aspekte einer Kultur hervorheben, die in großer Diskrepanz zum eigenen kulturellen Selbstbewusstsein stehen, dann können sie auch nachvollziehen, dass der interkulturelle Unterricht über die Überprüfung des Wahrheitsgehalts von Stereotypen hinausgehen muss und die Funktion von Stereotypen thematisieren muss:

Wichtiger als eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von sogenannter Wirklichkeit und Klischees ist es, Funktionsweisen und Mechanismen der Stereotypisierung aufzuzeigen, ihre Unvermeidlichkeit, ihre Möglichkeiten und ihre Gefahren, (...). Solange sich Lernziele nur auf die Wahrnehmung einer Diskrepanz von Stereotyp und Wahrheit beschränken (...) bleiben Stereotypen ein kognitiver Lerngegenstand, den man abfragen kann.

Zitiert nach:
O’Sullivan, Emer, Rösler, Dietmar (1999) Stereotypen im Rückwärtsgang. Zum didaktischen Umgang mit Heterostereotypen in zielsprachigen kinderliterarischen Texten In: Bredella, Lothar, Delanoy, Werner (Hrsg.) Interkultureller Fremdsprachenunterricht Tübingen: Narr, 315.

Der Umgang mit Stereotypen wird durch den Umstand erschwert, dass ihr Status ungeklärt ist. Zum einen wird behauptet, sie entsprächen keinesfalls der kulturellen Wirklichkeit, anderseits wird Stereotypen nachgesagt, sie illustrierten ein Fünkchen Wahrheit.

Lothar Bredella beschreibt den Charakter von Stereotypen aus Sicht der kognitiven Psychologie: Stereotypen entstehen als ein Konstrukt kategorialen Denkens, was bedeutet, dass Dinge, die sich äußerlich ändern, trotzdem immer noch die gleichen bleiben. Verdeutlicht werden kann das am Beispiel „Hund“: Trotz unterschiedlicher Größe, Statur, Fellfarbe etc. wird ein Hund immer als ein Hund erkannt. Wird eine Kategorie erkannt, so wird sie auch für Generalisierungen und Induktion genutzt, um eine Orientierung in der Welt und den Wissenserwerb zu ermöglichen:

Ohne Induktion und ohne Verallgemeinerungen könnten wir keine Sprachen und sozialen Regeln erwerben. Insofern ist Kategorisieren und Stereotypisieren unvermeidlich.

Zitiert nach: ebd. 108

Es ist allerdings problematisch, wenn dieser Mechanismus auch bei Personengruppen und Angehörigen anderer kultureller Gruppen greift. Deshalb müssen Stereotypen als Grundbestandteil menschlicher Kognition begriffen werden und im interkulturellen Fremdsprachenunterricht nicht verschwiegen werden. Zudem sollten die Schüler im Rückschluss auf die eigene Kultur lernen, Stereotypen aufzudecken, zu erklären und ihre Funktion zu analysieren. Dabei ist zu beachten, dass auch positiv besetzte Stereotypen berücksichtigt werden.

[a]Der folgende Text ist ein Auszug aus einer 1911 veröffentlichen Kurzgeschichte der Autorin Katherine Mansfield. Die Kurzgeschichte entstand, als die 22-jährige Autorin für einige Zeit im bayrischen Bad Wörisheim lebte und dort auf Grund persönlicher Probleme recht unglücklich war. Die Geschichte gehört zu der Sammlung In an German Pension. Jahre nach der Veröffentlichung der Sammlung distanzierte sich Mansfield von ihrem Werk und nannte sie unreif und zynisch. Sie verhinderte u.a., dass die Geschichten während der Nazidiktatur in Großbritannien zur Schürung anti-deutscher Stimmung wieder aufgelegt wurden.

  1. Erstellen Sie eine Liste der Vorurteile und Stereotypen über die Deutschen, die in dem Text erwähnt werden!
  2. Welche Stereotypen und Vorurteile über die Briten werden von den deutschen Protagonisten geäußert?
  3. Dieser Text wurde vor knapp einem Jahrhundert verfasst. Erkennen Sie Stereotypen und Vorurteile, die auch noch in der heutigen britischen und deutschen Gesellschaft bestehen? Wurden Sie je mit Vorurteilen wie diesen konfrontiert?
  4. Diskutieren Sie mögliche Erklärungen, wie es zu der Entwicklung dieser Stereotype und Vorurteile kommen konnte!
  5. [l]Besuchen Sie die Website des Goethe-Instituts in London. Unter www.goethe.de finden Sie das Linkverzeichnis aller Goethe-Institute im Ausland. Welche Angebote finden Sie, um Informationen über Deutschland zu geben? Gibt es Einträge, die das Image von Deutsch/Deutschland thematisieren?

In a German Pension (1911)

Bread soup was placed upon the table. Ah, said the Herr Rat, leaning upon the table as he peered into the tureen, that is what I need. My ‚magen‘ has not been in order for several days. Bread soup, and just the right consistency. I am a good cook myself– he turned to me.

How interesting, I said, attempting to infuse just the right amount of enthusiasm into my voice.

Oh yes – when one is not married it is necessary. As for me, I have had all I wanted from women without marriage. He tucked his napkin into his collar and blew upon his soup as he spoke. Now at nine o’clock I make myself an English breakfast, but not much. Four slices of bread, two eggs, two slices of cold ham, one plate of soup, two cups of tea – that is nothing to you.

He asserted the fact so vehemently that I had not the courage to refute it.

All eyes were suddenly turned upon me. I felt I was bearing the burden of the nation’s preposterous breakfast – I who drank a cup of coffee while buttoning my blouse in the morning.

Nothing at all, cried Herr Hoffmann from Berlin, Ach, when I was in England in the morning I used to eat.

He turned his eyes and his moustache, wiping the soup drippings from his coat and waistcoat.

Do they really eat so much? asked Fraulein Stiegelauer. Soup and baker’s bread and pig’s flesh, and tea and coffee and stewed fruit, and honey and eggs, and cold fish and kidneys, and hot fish and liver? All the ladies eat, too, especially the ladies?

Certainly, I myself have noticed it, when I was living in a hotel in Leicester Square, cried the Herr Rat. It was a good hotel, but they could not make tea – now –

Ah, that’s one thing I can do, said I, laughing brightly. I can make very good tea. The great secret is to warm the teapot.

Warm the teapot, interrupted the Herr Rat, pushing away his soup plate. What do you warm the teapot for? Ha! ha! that’s very good! One does not eat the teapot, I suppose?

He fixed his cold blue eyes upon me with an expression which suggested a thousand premeditated invasions.

So that is the great secret of your English tea? All you do is to warm the teapot.

I wanted to say that was only the preliminary canter, but could not translate it, and so was silent.

The servant brought in veal, with sauerkraut and potatoes.

I eat sauerkraut with great pleasure, said the Traveller from North Germany, but now I have eaten so much of it that I cannot retain it. I am immediately forced to –

A beautiful day, I cried, turning to Fraulein Stiegelauer. Did you get up early?

At five o’clock I walked for ten minutes in the wet grass. Again in bed. At half-past five fell asleep, and woke at seven, when I made an ‚overbody‘ washing! Again in bed. At eight o’clock I had a cold-water poultice, and at half past eight I drank a cup of mint tea. At nine I drank some malt coffee, and began my ‚cure‘. Pass me the sauerkraut, please. You do not eat it?

No, thank you. I still find it a little strong.

Is it true, asked the Widow, picking her teeth with a hairpin as she spoke, that you are a vegetarian?

Why, yes; I have not eaten meat for three years.

Impossible! Have you any family?

No.

There now, you see, that’s what you’re coming to! Who ever heard of having children upon vegetables? It is not possible. But you never have large families in England now; I suppose you are too busy with your suffragetting. Now I have nine children, and they are all alive, thank God. Fine, healthy babies – though after the first one was born I had to –

How wonderful! I cried.

Wonderful, said the Widow contemptuously, replacing the hairpin in the knob which was balanced on the top of her head. Not at all! A friend of mine had four at the same time. Her husband was so pleased he gave a supper-party and had them placed on the table. Of course she was very proud.

Germany, boomed the Traveller, biting round a potato which he had speared with his knife, is the home of the Family.

Followed an appreciative silence.

(...)

Zitiert nach: Mansfield, Katherine (1926). In a German Pension. London: Constable, 9–13.

Der kleine Indianer

[a]Dieses Kinderbuch erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, David, der eines Tages beim Spielen im Garten einen Indianer trifft. Der Indianer trägt Federschmuck und ist so klein wie ein Eichhörnchen. Jeden Tag benennt er nach Ereignissen, zum Beispiel gibt es einen Tag an dem ich dich traf und einen Tag an dem die erste Walnuss vom Baum fiel. David und der kleine Indianer werden Freunde. Sie spielen im Laub, laufen Schlittschuh, schwimmen im See und bauen gemeinsam ein Wigwam. Als es Sommer wird, hackt der kleine Indianer Holz mit seinem Tomahawk und sie machen ein großes Lagerfeuer. Der kleine Indianer tanzt ums Feuer und David begleitet seinen Tanz auf der Trommel (s. Abbildung). Diesen Tag nennt der Indianer den Tag, an dem das kleine Bleichgesicht ein Indianer wurde.

  1. Würden Sie die sprachliche und bildliche Darstellung des kleinen Indianers als vorurteilbehaftet oder stereotyp bezeichnen?

Übernommen aus: Goede, Irene (1994) Der kleine Indianer Freiburg: Herder