Ausgehend von der allgemein anerkannten Annahme, dass Kinder bereits im Vorschulalter
interkulturelles Wissen besitzen, stellen die Psychologinnen S. Wilberg
und S. Schäfer die Frage: warum die kognitive Repräsentation dieses Wissens
bei Vorschulkindern in subjektiver, realitätsfremder Form erfolgt.
Das interkulturelle Wissen umfasst nach der Definition der Autorinnen den Land-Begriff
sowie Merkmale kultureller Zugehörigkeit, wie Sprache und fremdartiges Verhalten
oder Aussehen, welches den Kindern als implizite, also nicht hinterfragte, Theorie
zur Verfügung steht.
Die Autorinnen führen die Ergebnisse zweier Studien an, die sich bereits mit
der in ihrer Arbeit gestellten Fragestellung auseinandergesetzt haben, aber
zu gegensätzlichen Ergebnissen gelangt sind.
Der Psychologe Piaget, der sich als erster 1951 dem interkulturellen
Wissen von Kindern widmete, gelangt zu einem ganz in der Tradition seiner Theorie
der Entwicklungspsychologie stehenden Ergebnis. Demnach werden die impliziten
Theorien der Vorschulkinder durch eine egozentrische, subjektiv verzerrte Perspektive
auf die Welt repräsentiert, da erst das im Alter von 7 Jahren einsetzende operationale
Denken die Entwicklung zu einer objektiveren und realitätsgerechteren Auffassung
von der Welt einleitet.
Jahoda verwendete in seiner Studie 1964 eine standardisierte Form der
Fragen aus Piagets Studie und kommt zu einem gegensätzlichen Ergebnis. Nicht
das operationale Denken, sondern unzureichende Kenntnisse über die Natur nationaler
Zusammenhänge sind für die subjektiven Verzerrungen der Vorschulkinder verantwortlich.
In ihrer Untersuchung, bei der die Autorinnen ebenso wie Jahoda Interviews in
den Kategorien Piagets verwendeten, wollten sie klären, ob die subjektive, realitätsfremde
Repräsentation der impliziten interkulturellen Theorien der Vorschulkinder durch
das noch nicht eingesetzte operationale Denken (Piaget) oder durch unzureichendes
Wissen (Jahoda) hervorgerufen wird.
Ausgehend von Jahodas Erkenntnis entwickeln Wilberg und Schäfer die zusätzliche
Annahme, dass Kinder mit einem interkulturellen Hintergrund einen größeren Zugang
zu interkulturellen Informationen haben würden und daher konkreteres interkulturelles
Wissen besitzen würden.
Die mit den Vorschulkindern durchgeführten Interviews decken die vier Komponenten
kindlichen interkulturellen Wissens ab:
Deren Auswertung bestätigt die geringe Entsprechung interkulturellen Wissens
bei Kindern gegenüber des Wissens und der Denkweise von Erwachsenen.
Als für die Kinder besonders leicht herzustellende Verbindung erweist sich der
Zusammenhang: anderes Land = fremde Sprache. Das Konzept „Ausländer“ scheint
bei den Kindern jedoch nicht vorzuliegen. Sie haben eine Person nur als Ausländer
eingeschätzt, wenn sie dessen Herkunftsland kannten und es als fremd eingeschätzt
haben.
Die Annahme der Psychologinnen, Kinder mit bikulturellem Hintergrund verfügen
über höheres interkulturelles Wissen, bestätigte sich nicht. Für die drei zuletzt
genannten Kategorien des in der Studie untersuchten interkulturellen Wissens
ergab die Auswertung keinen Einfluss des kulturellen Umfelds.
Das Wissen um den eigenen Standort, also das Wissen um den Zusammenhang zwischen
Heimatstadt und Heimatland, ist nicht bei bikulturellen Kindern am ausgeprägtesten,
sondern bei den Kindern, die ohne bikulturelle Einflüsse aufwachsen.
Die Autorinnen weisen darauf hin, dass ihre Studie nicht erklären kann, wie
inter interkulturelles Wissen bei Kindern aufgebaut wird. Sie bestätigt, dass
das operationale Denken keine Voraussetzung für das adäquate Verständnis nationaler
Zusammenhänge ist. Aber auch der kulturelle Hintergrund der Kinder steht in
keinem direkten Zusammenhang zu ihrem interkulturellen Wissen
Den Forschungsbedarf bekräftigend schließen die Autorinnen mit der sich aus
den Ergebnissen der Studie ergebenden Vermutung, dass besonders die Erläuterungen
der erwachsenen Bezugspersonen das Denken der Kinder zu beeinflussen scheinen.
Quelle: Sandra Schäfer, Sylwia Wilberg (2000): Was welche Kinder über fremde Länder Wissen... Eine Untersuchung mit nicht nur deutschen Vorschulkindern. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie. (32), Heft 3, 143-152.
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